Ein Dartspiel mit Folgen

Der vergangene Sonntag war ein Tag, bei dem man am Morgen auf die „Record“-Taste drücken kann, und wenn man am Abend auf „Play“ drückt, dann spielt sich der ganze Film nochmals ab, weil sich jedes Detail messerscharf ins Gehirn gebrannt hat.
Allgemein das gesamte Wochenende war einfach Hammer!
Samstag. Dicke Nebelschwaden verhüllen den Startplatz. Alle machen sich bereit und warten. Und warten. „Ich kann ein paar Häuser unten sehen“ - jetzt nicht mehr. Noch dickerer Nebel als vorher.
Doch plötzlich reisst es wieder etwas auf, der Wind stimmt auch. „Ok, i gang…“, sagt Marco. Darauf startet Simone, und dann Yves. Ich lege mich in die Gurten und ziehe auf. Weitere Piloten starten. Es geht los. Marco ist am dynamisch füllelen, Yves hat Simone überholt. Beide richten sich aus… Dieses Spielchen kenne ich von irgendwo. Jetzt gibt‘s wieder eine Silverstar Füllisession!
Yves schränzt die Leinen von seinem nigelnagelneuen Nivea-Feiälli runter. Das Arme… Es mag es sicher nicht, wenn man so grob mit ihm umgeht… Jetzt verbläst es Simone. Ui, dann bin ich wohl an der Reihe. Die Bremsen vollgas hinunter - zagg, abgehänkt, gleich wieder lösen - ui, das war aber schön symmetrisch! Der Schirm steht ruhig über mir, ich gebe langsam frei - und fliege wieder. Wow, einer meiner schönsten Füllis!
Doch jetzt ziehen wir andere Saiten auf. Jetzt weht ein anderer Wind - und mit ihm wirbeln 8 Schirme am Himmel! Jeder dreht irgendwie und irgendwo. Das muss ja aussehen!
Samstag Abend. Wir stehen vor der „Schüür“. Um 9 fängt das Sektion Kuchikästli Konzert an. Halb 9, noch kein Schwein da.
„Ou - mir händ es Problem… S Konzert isch — gester gsi!“
Tja, so kann‘s gehen… Gut, wir schlendern ein wenig durch die Stadt und kehren in einer Bar ein. Yves geht an den Dart Automaten. Da wir beschlossen haben, morgen vom Titlis zu fliegen, machen wir eine Wette.
„Wenn ich verlier, mach i e Coconut!“. „Ok, und wenn ich verlier, mach i es Tumbling!“, erwiedere ich ihm. Mit einem Gesichtsausdruck wie „Machsch eh nid“ nimmt er seine Pfeile. Simone muss Satten, wenn sie verliert. Doch das wird sie nicht tun müssen, weil sie jedesmal haushoch gegen uns gewinnt.
Ich gebe mir extra keine Mühe, diese dämliche Scheibe zu treffen. Ich bin allergisch gegen solche langweiligen Fussball-Bier-Otto-Normalverbünzli Spiele. Hat sowieso ein äussert seltsames Punktesystem (die Mitte gibt nicht die meisten Punkte?!?? -> Engländer?).
Nein, das ist nichts für mich. Ich spiele schlecht - und will endlich meine so oft erträumte Figur fliegen wollen müssen.
Das Tumbling. Königin aller Acrofiguren. 1000x im Kopf durchgespielt, jedesmal in der Luft: „Nein doch nicht.“
Immer wenn ich in der Luft bin, schwirren mir Marco‘s Stimmen durch den Kopf: „Bim Tumbling chasch is Tuech gheie.“ „I wirde nie es Tumbling fliege - höchstens Heliköpterle.“ „S gföhrlichscht Manöver wos git.“ „Ein isch is Tuech gheit und gstorbe.“
„Nein doch nicht“… jetzt reichts. Morgen hat dies ein Ende. Es gibt keinen Löffel - und demzufolge gibt es auch keinen Löffel abzugeben.
Samstag Nacht. Ich bin am einschlafen. Morgen ist DER Tag. Der Titlis muss klappen, unbedingt. Das geilste wäre: Morgen ein stahlblauer Himmel, windstill auf dem Titlis, Bahn fährt, Engelberg liegt NICHT im Nebel.
Sonntag Morgen. Stahlblauer Himmel, 20km/h Wind auf dem Titlis, die Bahn fährt, Engelberg liegt NICHT im Nebel. YES!! Endlich werden meine Wünsche Realität! Normalerweise kommt nämlich der Tag immer anders raus als meine Vorstellung am morgen…
Aber heute nicht. Heute ist alles so, wie ich mir es gewünscht habe. Heute gibt‘s einen Titlisflug. Heute wird getumbelt.
„Äs het -4 Grad ufem Titlis…“ o Gott! Wenn ich gewusst hätte, dass wir dieses Wochenende auf dem Titlis fliegen, hätte ich ein paar Schichten mehr angezogen! Doch Simone leiht uns ein paar Thermo-Liibli, die mir etwa bis zu den Ellenbogen gehen, und Yves knapp hauteng passen (danke nochmals Simone - diese Wärmeweste war echt Gold wert!).
Heute wird wirklich viel passieren - Abenteuer starten immer so improvisiert!
Wir kommen in Engelberg an. Die anderen sind schon da, wir steigen ein. Nach 3x (oder 4x?) umsteigen kommen wir oben an. Ok, so kalt ist es zum Glück nicht. Ich denke bei „kalt“ immer an unsere Biplace Prüfung in Fanas, aber Fanas an Kälte zu toppen, das wird schwierig.
Der Wind kommt voll von der Seite. Wir steigen hoch zu einem geeigneten Startplatz. Manchmal ist es Windstill, manchmal kommt eine Böhe von hinten(!) und fegt unsere nun ausgelegten Schirme wieder durcheinander. Alle sind ruhig. Jetzt ist wieder die Situation, die ich hasse: Das ziehen im Bauch vor dem Start. Es hat Abwind. Manchmal Windstille Phasen, aber nur kurz. Es ist kalt, es ist rutschig, es hat Tiefschnee. Das sind genau die Bedingungen, die mich immer so einschüchtern: Heute sind schwierige Bedingungen, ich mache die harten Manöver ein ander mal. Gibt‘s halt einen schönen Gleitflug vom Titlis, ist ja auch was…
Aber wir haben gewettet. Nein, heute nicht. Heute lasse ich mich nicht von schlechten Startbedingungen einschüchtern - ich habe gewettet.
Alle helfen, mir den Schirm auf Position zu halten. Marco hält einen Handschuh mit Windbändel hoch. Rechts hat‘s eine Gletscherspalte. Jetzt ist‘s Windstill.
Ich ziehe hoch. Der Schirm kommt - ich spüre jedoch keinen Druck. Ich renne weiter, Kontrollblick - ui, schräg! Abbruch, unbewusst. Bei solchen Bedingungen gehe ich kein Risiko ein.
Zweiter Versuch. Windstille Phase… immer noch… „jetzt muesch goht“ - ok! Ich renne VOLL los, sehe den Schatten meines Schirms, wie er schön symmetrisch aufsteigt - ja, diesmal ist es gut! Jetzt rennen, als ob der Teufel persönlich mit dem Dreizack hinter mir her wäre und mir den Schirm zerschnetzeln will - gell Marco! Mit einem „aaaaaaaaaaaaaaaaaarrrrrrgh“ beschleunige ich mehr und mehr - bis ich schliesslich Abhebe. Hinter mir jubelt und klatscht es. YES! Ich bin in der Luft.
(An dieser Stelle ein dickes Dankeschön an meine Helfer!)
So, jetzt ist es also soweit. Alles, was ich mir gewünscht habe, ist eingetroffen. Der stahlblaue Himmel, ein nebelfreies Engelberg, und ein gelungener Start am Titlis. Das Schicksal hat nun fein säuberlich alles für mich vorbereitet - ich glaube jetzt bin ich am Zug. Ich schulde dem Schicksal was…
Ruhige Luft. 2000 Meter Höhe. Solche Bedingungen wie JETZT gibt es nicht mehr. JETZT oder NIE!
Oh, da kommt ein schwarzes Päckchen auf mich zugeflogen. Komischer Vogel.. Ah, ein Helikopter! Ich fliege weiter geradeaus. Ich habe soeben beschlossen, mir über das, was nun bevorsteht, keine Gedanken mehr zu machen. Ich werde einfach beim Gegendreher ein bisschen mehr ziehen. Keine Ahnung was dann passiert. Wow, diese Aussicht! Luzern liegt im Nebel.. Ein Nebelmeer. Und unten kommt der grosse Parkplatz immer näher. Wenn ich dann dort drüber bin, geht‘s los… Au ich freue mich! Ich denke mir einen fetten Beat und summe mit, um alles zu vergessen. Alle Ängste, alle Bedenken - fort. Da gibt es nur die Landschaft, die Luft, die Sonne, die die Felswände bescheint - und mich.
Ou, auf dem Landeplatz hat‘s Kühe - na, lande ich auf der Wiese neben dem See.
Ich bin überhaupt nicht nervös - nein ich freue mich richtig darauf! Keine Ahnung wieso, keine Ahnung auf was ![]()
Fliegen vor einem Fülli - *polter* *polter* *polter*. Kurz vor dem Start - *polter* *polter* *polter*. Aber jetzt - Vorfreude, Entschlossenheit.
Soo, jetzt sind wir über dem Parkiplatzibauschiwauschi. Jaa ich freue mich! Mein Herzlein hüpft auf und ab - ich muss keinen Scheiss Fülli fliegen, sondern darf etwas fetziges, echtes, dynamisches, g-kräftiges fliegen. Eine asymmetrische Spirale! Kein Druck wie: „Jetzt muss ich die Strömung abreissen, der Schirm wird unkontrollierbar, o Gott was passiert dann“. Nein - kontrollierte, fette Impulse. So, legen wir los! Ich werde mal einen Gegendreher machen, zum Angewöhnen. Juppeidi, juppeida. Anlauf…… uuuund Schwupp! Ging als ob ich und der Schirm an einer riesigen Seifenblase aufgehängt wären und an den Kanten entlang schlipfen.
So, Ausleiten über eine Asyspirale. Ui, da vorne kommt ja ein riesiger Schwarm Tauben direkt auf mich zu! Diese Tauben fliegen ja in mich hinein, die kommen immer näher… Oder sind das Waschflocken? Gut möglich dass da Schaum spritzt, wenn ich an einer Seifenblase meinen Schleudergang in Betrieb setze - wir sind ja schliesslich mitten in einer Waschküche.
*plätsch* - die Waschflocken sind kleine Schneebällchen - ui, hab ich die gerade ausgeschüttet? Lustig! *megasmile*
Ich fliege in meinen eigenen Schnee!
So, ich glaube das Tuch ist sauber, jetzt müssen wir es noch trocknen. Ab in den Tumbler damit!
Asyspirale zum 2… Anlauf, zack zack, genug Schwung holen - ok gut. Jetzt.

„Es-gibt-keinen-Löffel“, schiesst mir durch den Kopf. Ich richte auf zum Gegendreher. SAT-Position - und ziehen. Mehr ziehen als sonst. Es geht los - die Seifenblase ist da - doch durch meinen Mehr-Zug an der Bremsleine befindet sich das Tuch im SAT-Winkel. Halten halten halten - ui das ist aber ein steiler SAT! Ich halte bis die Runde beendet ist. Ok, das Tuch kommt wieder Richtung Himmel, ich lasse los, bremse rechts - ui, ich leite den SAT aus, befinde mich dabei aber ziemlich im Dachstock eines Gegendrehers. Seltsames Gefühl - ich bin auf eine Art schwerelos, auf eine Art zieht das Tuch an mir - als wollte es mich in die Tiefe reissen! Der SAT-Winkel verschwindet, ich komme wieder in meiner asymmetrischen Spirale heraus. Jjjjjjjjjjjiiiiiiiiiiiiiiiiiiiihhhhau! *echo* *echo* *echo*…
War das jetzt das berüchtigte Tumbling? Das Ding? Ich glaube nicht. Ein steiler SAT, ok, aber Tumbling?
GLEICH NOCHMAL!
Zack zack zack, Anlauf, SAT-Position - jjjjammm!
Ok.. War nett. Aber ist es jetzt das? Wo sind die 6G? Wo ist der Orientierungsverlust? Wo der senkrechte Flug über das Tuch? Das ging doch ziemlich gemächlich rum, so eine Art Rössliritti… Da habe ich mit gewissen dynamischen SATs aber schon ganz ganz andere deftige Sachen erlebt… Aber dieses Ding - hmm. War dieser kurze Schwupps wirklich ein Tumbling?
Das müssen andere für mich beurteilen. Ich zeig dieses Experiment mal an der Brändlen - so gefährlich ist‘s ja wohl nicht - und dann schauen wir weiter.
Brändlen. Ich leite ein - Aufrichten, SAT-Position, ziehen bis die Runde fertig ist - rrrrrrruumms! Oh, wie billig - das war ja nicht mal so richtig hoch… Ok, ich glaube nicht dass irgend jemand das als Tumbling bezeichnen wird…
Landevolte, Landen, Schirm zusammennehmen, Yves aufsuchen.
„Und, was ischs gsi?“
„Es Tumbling!“
YEES!! Gewonnen! Ich habe meine Wette eingelöst!
„Gratuliere dir zum Tumbling!“ „Bisch de erst vo üs wo tumblet!“
Links und Rechts hagelt es Gratulationen. Ich glaub‘s einfach nicht. Erst langsam beginne ich zu realisieren: Ich bin ein Tumbling geflogen! DAS Manöver, welches ich schon immer Fliegen wollte! Boah. Und ICH bin der Erste! Das war mein Ziel. Ich wollte der Erste sein beim SAT. Und der Erste beim Tumbling. Alles andere ist egal… Jetzt ist es endlich soweit.
Aber mal ehrlich: War‘s das jetzt wirklich? Gehöre ich nun zu den „Top-Akropiloten mit jahrelanger Erfahrung“, und war dies das „härteste und aufregendste Manöver, bei dem Mensch und Material an die Belastungsgrenzen kommen“?
Nein. Ich bin weder Top-Akropilot, noch habe ich irgendwelche „Belastungsgrenzen“ gespürt… Also wenn das wirklich ein Tumbling war, dann wird das von allen aber viel zu heiss gekocht, ehrlich!
Dieser witzige Hüpf über das Tuch war eigentlich harmlos und easy. Man kann sich auch wunderbar herantasten! Ich weiss ja nicht… Aber beim Fülli habe ich viel mehr Mühe - es braucht mehr Überwindung, und Übung, das Ding sauber hinzukriegen.
Gut, ich werde es beim nächsten mal zweimal drehen lassen, oder später einleiten, damit es höher kommt.
Jetzt habe ich endlich wieder eine Figur, an der ich Spass habe; etwas zum Üben, Aufbauen, und vor allem: Eine Figur, die ich kontrollieren kann. Und endlich ist die Barriere weg, beim Gegendreher einen SAT einzuleiten! Das, was ich mir immer und immer wieder in Trockenübungen durch den Kopf gehen liess, kann ich jetzt praktizieren, und ich weiss, dass es funktioniert.